50 Jahre Orgel

50 Jahre Orgel
Orgelmusik in unserer Kirche, gespielt vom Oberurseler Kirchenmusiker Karl Klinke
Laudatio Organi
Gedanken zur Liebfrauen-Orgel, Oberursel, Karl Klinke

Der Philosoph Johann Gottfried Herder hat einmal gesagt, dass die Klänge der Orgel „Nachklänge des Schöpfungsliedes“ seien. Betrachtet man die Vielzahl von Materialien, die in einer Orgel verwendet werden, die Buntheit der Register und ihre Mischungsmöglichkeiten, so ist dieses Bild gut nachzuvollziehen. In diesem Nachklingen des Schöpfungsliedes hören wir heute schon den hoffnungsfreudigen Vorausklang auf den Jubel der Erlösten bei Gott mit. „Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel“ (Psalm 126, 2).
„Malerei ist die Kunst, Geschautes geläutert wiederzugeben; Plastik ist die Kunst, Formen zu erfüllen; Architektur ist die Kunst der Zuordnung der Lebensräume; Musik ist die Kunst, höchste Mathematik zu durchseelen – Orgelbau aber ist die Kunst, Malerei, Plastik, Architektur und Musik in einem zu sein.“ (Walter Supper)
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Nachdem zunächst ein Orgelpositiv als Provisorium gedient hatte, konnte am 10.10.1970 die neue Orgel eingeweiht werden. Vorausgegangen waren fünf Jahre intensiver Planung, um musikalische, gestalterische und technische Belange abzustimmen und architektonisch auf den Kirchenraum zu beziehen. Die Finanzierung eines solch mutigen (und vermeintlichen Prestige-)Projekts war nicht unumstritten und bedeutete für die junge Kirchengemeinde durchaus ein Wagnis. Verdienste erwarb sich hierbei der erste Gemeindeleiter von Liebfrauen, Pfarrer Erich Einig, der weitblickend und engagiert die Voraussetzungen schuf, die Idee einer wirklich hochwertigen Orgel zu realisieren, die im Detail wie im Gesamtaufbau hohe Könnerschaft beweist. Der künstlerische Wert des „Gesamtorganismus Orgel“ setzt ein harmonisches Zusammenspiel von Architektur, Prospektgestaltung, Zuordnung der Teilwerke und einer hochpräzis vollendenden Intonation voraus. Entscheidend war nicht allein, was eine Orgel koste, sondern auch was sie wert sei im Hinblick auf Jahrzehnte und mehr: Eine gute Orgel überdauert Jahrhunderte...
Als Platz für die Orgel sah der Plan des Architekten die kleine Empore über dem Haupteingang vor, ohne jedoch die raumgerechten Ausmaße eines späteren Instruments zu berücksichtigen; dies hätte nicht nur statische Probleme aufgeworfen. Für die Liebfrauenkirche – als Bau zentral gedacht im Grundriss eines griechischen Kreuzes – bot sich stattdessen an, die Orgel ebenerdig in die Ostapsis zu stellen: eine Standortlösung ohne gleichwertige Alternative. Dass die Orgel in der Kirche damit einen neuen gestalterischen Akzent setzt, Eigenständigkeit zeigt, ist kein Widerspruch, sondern Lösung der Aufgabe, 'Architektur in Architektur' zu bauen. Die Orgel beherrscht in vornehmer Größe die Ostapsis, ist so auch sichtbar in das liturgische Geschehen miteinbezogen und lässt den Eindruck entstehen, die Orgel trage die Musik der Gemeinde gewissermaßen entgegen. Der Raum, der gleichsam „mitspielen und mitschwingen“ will, wird von der Ostapsis klanglich in idealer Weise erfasst. Der Zuhörer empfindet dies als Vorteil: Er hört das Instrument von vorne, sodass Nuancierungen der Interpretation nicht verloren gehen.
Anspruchsvoll der Dispositionsentwurf: Ein viermanualiges Werk mit 52 Registern durfte es werden. Dabei wurde der Gedanke einer Stilkopie – etwa einer nord– oder mitteldeutschen Barockorgel – ausgeschlossen; das Klangbild einer französisch-romantischen Orgel war damals ohnehin noch nicht en vogue. Nicht Retrospektive durch Kopie war die Idee, sondern aus der Tradition heraus Neues und Innovatives zu schaffen: Erstrebt wurde eigenes Profil und ein vielgestaltiges Dispositionskonzept, in das barocke, romantische und moderne Stilelemente, ja sogar nationale Besonderheiten (festlicher Zungenchor und Cornet französischer Provenienz, Spanische Trompeten und Vieja (ein Piano-Juwel!) als Öffnung zur romanischen[!] Orgel hin) unbedenklich hereingenommen wurden, sofern die farblichen Valeurs einem homogenen Orgelklang dienen: Großzügige Klangressourcen also, die es ermöglichen, ein breites, polyvalentes Spektrum der Orgelliteratur – wenn nicht authentisch, so doch plausibel – darzustellen. Den Auftrag erhielt die renommierte Orgelbaufirma Klais (Bonn), die in unserem Bistum u. a. die Domorgeln in Limburg und Frankfurt gebaut hat. (Bei ihrer Einweihung galt die Liebfrauen-Orgel als das schönste Instrument im Bistum).
Der Aufbau des Instruments zeigt eine bemerkenswerte Unabhängigkeit von konventioneller Gehäusegestaltung, folgt jedoch trotz ausbalancierter Asymmetrie dem klassischen Werkprinzip, nach dem die Orgel klanglich und architektonisch aus eigenständigen Teilwerken aufgebaut und äußerlich sichtbar gegliedert ist. Im stark eingezogenen Unterbau befindet sich über dem viermanualigen Spielschrank (Nussbaum; Manuale: Untertasten Grenadill, Obertasten Paduk mit Elfenbein-Belag) das Brustwerk: Im Prospekt Krummhorn 8' mit sanftem Schwung im Pfeifenverlauf. Eine barocke Bauweise aufgreifend, ist es mit Doppelfalttüren versehen, die die Klangstärke variabel schattieren. „So bietet sich das Brustwerk – auch wegen seiner unmittelbaren Nähe zum Chorraum – bervorzugt für das Continuospiel an. Durch völliges Schließen der Türen wird das Brustwerk für den Hörer (nicht für den Spieler) zum Echowerk. Darüber, nach rechts versetzt, liegt das Hauptwerk mit Praestant 8‘ und zwei horizontalen Zungenstimmen. Ebenso sind die offenen 8‘-Pfeifen des hochgebänkten Cornet sichbar. Oberhalb des Hauptwerks befindet sich das Oberwerk mit Pfeifen von Gemshorn 8‘ (soweit im Prospekt zylindrisch gebaut) und Praestant 4‘ in der Front. Die beiden großen linken Prospektfelder mit den Pfeifen von Praestant 16‘ gehören zur Pedallade, die etwa auf der Höhe des Oberwerks liegt. Unter der Pedallade befindet sich das Schwellwerk. Infolge des hochgestaffelten Aufbaus (Höhe fast 13 m) konnte das Instrument mit recht geringer Tiefe gebaut werden, sodass eine gute Klangabstrahlung in der halligen Kirche weitgehend erreicht wird.“ (Hans Gerd Klais) Symphonische Orgelmusik der Romantik beispielsweise rechnet ohnehin mit stärkerem Nachhall als intendierter Bestandteil der Kompositionsidee; fünf Sekunden – eine fast kathedrale Akustik! - sind da ein guter Wert, um den Raum, der auch eine Art Resonanzkörper bildet, zu füllen, ohne ihn zu beherrschen.
Orgeln „kleben“ meist mit dem Rücken an der Wand – nicht so die Liebfrauenorgel: Freistehend vor der dunkelroten Klinkerwand sind alle den Raum begrenzenden Linien sichtbar. Die Orgel enthüllt sich dem Betrachter nicht punktuell wie ein Bild, sondern skulptural, und setzt im weitausladenden Kirchenraum einen starken, wohltuenden Akzent. Voraussetzung für einen so gearteten Aufbau ist das Stahlgerüst mit schweren Profilen, das den Windladen und der Traktur den notwendigen Halt gibt. Der aufstrebende Prospekt, das „Gesicht der Orgel“, besticht durch fantasievolle Gliederung: sorgsam gewählte, zueinander ausbalancierte Proportionierung der Pfeifenfelder und ihrer Höhenstaffelung sowie – quasi rhythmisiert – Überschneidungen durch Gegenläufigkeit. Auch das Verhältnis von (schmalem!) „Orgelfuß“ und eigentlichem Prospekt ist wichtig für den optischen Eindruck dezenter Eleganz. Denn ein zu geringer Einzug des Untergehäuses ließe die Orgel plump und klobig erscheinen. Dass die Jalousien des Schwellkastens hinter den schlanken Pfeifenfüßen des Praestant 16' fast unsichtbar bleiben, erhöht – im Sinne gestalterischer Einheitlichkeit – die dekorative Flächenwirkung der Frontalansicht (vgl. auch Klais-Orgel St. Bartholomäus, Bergrheinfeld). Ein architektonischer Blickfang ist sicher die kräftige Ballung der waagerecht aus der Lade herausragenden Schalltrichter. Erstmals im 17. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel gebaut, heißen sie auch „Spanische Trompeten“. Radial gespreizt wirken sie, auch infolge ihres Aufwurfes am vorderen Pfeifenbecher, optisch sehr reizvoll, während sich die darunterliegende Vieja 8' mit ihren sehr klein gehaltenen Bechern zierlich ausnimmt. Die Spanischen Trompeten transponieren die Silhouette der vertikalen Pfeifen ins Horizontale: „Architektur als erstarrte Musik.“ (Friedrich W. Schelling, Philosophie der Kunst)
Zur Struktur des Orgelprospektes gehört die ornamentale Gestaltung. Die Schleierbretter (besser: Schallbretter) oberhalb der Pfeifenenden in Splitter-Stabform dienen aber nicht nur der Zierde, sondern begünstigen die Vermischung der Pfeifenklänge. Als Ornamentmotiv wurden einfache geometrische Formen in Splitter-Stabform (unterschiedlich proportionierte Rechtecke) entworfen, sodann aus Holz angefertigt und in die sieben freien Felder integriert. Die starke architektonische Gliederung des Prospektes wird in der Farbgebung des Gehäuses bewusst nicht verstärkt, doch Farbe schafft auch Korrespondenz: Das Gehäuse aus gebeizter Esche ist farblich den Kirchenbänken angepasst. Gleichwohl: die Orgel ist zu allererst Musikinstrument, bei dem das Äußere nicht für sich allein entsteht, sondern als Synthese aus simultan angestellten Überlegungen von Raum, Musik und Orgeltechnik.
Das Gehäuse schafft eine gute Resonanz für die nebeneinander und übereinander gebauten Teilwerke. Deren Einzelcharakteristik – etwa der Registergruppe der Flöten – bleibt erhalten; so im Hauptwerk die der großen weiten Flöten: Rohrflöte 8‘, Blockflöte 4‘, auch das französische Cornet 5-fach mit offenem 8‘. Im Oberwerk sind die mehr solistischen Register Quintade 8‘ und die aparte, überblasende Holztraverse 4‘ neben den höheren Einzelstimmen Nasard und Terz zu finden. Das Schwellwerk, ein unentbehrliches Teilwerk zur Darstellung romantischer Orgelmusik, verfügt – fein abgestimmt – über Flöten und Streicher wie die weiche, mildprinzipalische Holzflöte 8‘, das lämmersanfte Flötgedackt 4‘, die weitlabierte, lichte Waldflöte 2' und die entrückt klingende, sanfte Gambenschwebung, die in Zeiten antiromantischer Prüderie dennoch disponiert wurde. Die charmante Rohrflöte 4‘ und die hellflötige Quinte 1 1/3' (als „Brücke“ zur Terzcymbel) geben dem Brustwerk eine frische Plastizität – bei bester Abstrahlung für den Spieler, der ja sonst eher im Klangschatten des Instruments sitzt. Im Pedal bringen Subbass 16' und Quinte 10 ²/3' (Mahagoni) das Intervall einer Quinte hervor, das in unserem Ohr als „Kombinationston“ die nächsttiefere Oktave (32') hervorruft; das rundflötige Nachthorn 2' lässt die vier Oktaven höhere Sopranlage erklingen.


Die Principale in hochprozentigen Zinnlegierungen, die der Orgel ureigene Registergruppe, zeichnet warme und kantable, dabei substanzreiche Tongebung aus. Der charakteristisch färbende Sesquialter ist im Diskant – als moderne Klangprägung – um eine None 8/9' erweitert und bewirkt eine lebendige Veränderung des Obertonspektrums; die glitzernde Helligkeit des Sifflet 1' führt hin zu den Mixturen: Auflichtende Klangkrone jeder Orgel, fügen sie sich organisch in den Gesamtklang und verleihen dem Werk einen festlich-gleißenden Glanz, ohne in höheren Lagen schrill oder grell hervorzustechen. Brilliante Mixturen entfalten eher Leuchtkraft als Schärfe: im Hauptwerk gewissermaßen in Altsilber gehalten, im Oberwerk von kühlerer Brillianz, im Schwellwerk hat die Acuta verhältnismäßig tiefliegende Chöre, sodass sie mehr Klangfülle als -spitze erzeugt; irisierende Klangkrone die helltimbrierte Terzcymbel im Brustwerk.
„Die 12 Zungenstimmen sind abwechslungsreich disponiert und mensuriert: Die Trompeta magna 16' zählt aufgrund ihrer direkten Absprache in den Raum zu den besonders charakteristischen Stimmen, in solistischer Funktion wie im organo pleno. Auch die Vieja 8' ist horizontal angeordnet, optisch unauffälliger: gedrechselte Holzbecher mit Elfenit-Plättchen. Ihr schmiegsames, cembaloartiges Timbre ist eine klangliche Kostbarkeit; als solistisches Regal lässt sie sich vorzüglich mit leisen Flöten begleiten. Die anderen Zungen stehen auf der Lade: neben der mischfähigen Trompete 8' des Hauptwerks (mit typisch „deutscher“ Charakteristik) die elegant in altfranzösich-elsässischer Mensur gehaltenen Zungen Fagott 16', Hautbois 8' (lyrisch) und Clairon 4' (schmetternd), im Schwellwerk. Im Oberwerk entsprechen die halblangen Zungenstimmen Dulcian 16' und Schalmei 8' mit dunkel bis weich singendem Ton der Bauweise des deutschen Barock; schließlich das musettehafte Krummhorn 8' des Brustwerks, mit dem vorzugsweise die horizontale Vieja 8' in Dialog treten kann. Auch der Zungenchor des Pedals ist nach Material und Mensur auf ein differenziertes Registrieren hin disponiert: Posaune 16' mit flachen geschlossenen Messingkehlen, Holzstiefeln, Bleiköpfen und Kupferbechern; Holztrompete 8' mit Ebenholzkehlen sowie Stiefeln und Bechern aus Mahagoni; Zinke 4' mit Messingkehlen französischer Bauart, Zinnstiefeln, Bleiköpfen und Messingbechern.“ (H.G.Klais) Die Realisierung des vorgesehenen Kontrafagott 32' ist dem Orgelwerk bislang versagt geblieben: In der letzten Planungsphase war der Orgelbauer leider davon abgerückt, wohl aufgrund zu geringer Gehäusehöhe (stattdessen: Quinte 10 2/3'). Allerdings plädierte er für einen späteren Einbau hinter dem Stimmgang. Mit Kontrafagott 32' würde das Bassfundament des Pedals noch eine wünschenswerte Grundierung erfahren: als profunder Kernklang und proportionsrichtige Weiterführung des Manualpleno (drei 16' Zungen!) in die Tiefe (12 Pfeifen – beherzte Sponsoren gesucht!).
Die Orgel besitzt eine sensibel reagierende, mechanische Traktur und zur Spielerleichterung eine elektrische Koppelanlage; 1995 wurde(n) eine Setzeranlage, 2008 fünf Oktav-Koppeln eingebaut. Die vier Tremulanten (erfreulicherweise auch im Hauptwerk) erzeugen Winddruckschwankungen, die den Pfeifenklang periodisch minimal beeinflussen. Der statische Orgelklang erhält dadurch eine belebende Bebung: von ruhig-verhalten über deklamatorisch bis leuchtend – je nach Manual- und Registerwahl, gleichwohl nach Maßgabe des „bon goût“.
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Dem Orgelbauer ist in unserer Kirche ein besonders schönes und präsentables Werk gelungen in Einheit von architektonischer Gestalt und jener klanglichen Schönheit, die den Spieler nur schwer entlässt: ein fast unerschöpflicher Fundus an Klangmöglichkeiten, den Flair und Adel der Einzelstimmen und die opulente Pracht des vollen Werks. Und die 3814 Pfeifen geben gern eine Probe ihres Wohlklangs, der sich mit soghafter Wirkung steigert vom zartesten Sphärenhauch bis zur glanzvollen Strahlkraft des Fortefortissimo. Auch die Glasmalerei stimmt ein mit glutvollen Farben in die „Laudatio Organi“. Wenn sich im wunderbaren Halbdunkel des Raumes das Sonnenlicht in den Kirchenfenstern bricht, tauchen die Strahlen das Zinn der Pfeifenfelder atmosphärisch in schimmerndes Licht: kontrastreich zum schönen, mosaikartigen Farbenspiel des gebrannten Steins im unverputzten Mauerwerk verschmelzen Raum und Klang, Licht und Musik: milde am Morgen, glänzender am Abend.
„Als die Strahlen der untergehenden Sonne in verklärter Ruhe das dämmrige Schiff von Notre Dame durchzogen“, sagte Charles Widor zu Albert Schweitzer: „'Orgelspielen heißt einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen manifestieren.'“ (Deutsche u. Französische Orgelbaukunst, S. 38)
So erklinge die Liebfrauenorgel als Sinndeuter und Sinnvermittler in dienender Verkündigung über den ästhetisch-rezeptiven Genuss hinaus zum Lobpreis Gottes, zur Freude und Andacht der Zuhörer und führe hin zu jenem "großen Geheimnis, das wir Gott nennen". (Karl Rahner)
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